Greetings from the past…

Vol. 1: Foo Fighters – The Colour And The Shape

Die heutigen Greetings from the past erreichen uns aus dem Jahr 1997: „Katrina and the Waves“ gewinnen in Dublin den Eurovision Song Contest, „Black Sabbath“ spielen (fast) in Original-Besetzung auf dem „Ozz-Fest“, Michael Jackson gastiert mit seiner „History-Tour“ in Deutschland und die „Foo Fighters“ veröffentlichen eines der wichtigeren Alben der jüngeren Rock-Geschichte: „The Colour And The Shape“.
Für das Art-Work sind u.a. Jeffery Fey und George Mimnaugh
verantwortlich. 
Nach Kurt Cobains Tod und dem abrupten Ende einer Ära, fiel der junge Dave Grohl in ein tiefes Loch. Gerade noch Drummer des größten Acts der Welt, stand er innerhalb eines Wimpernschlags vor dem Nichts. Um den Verlust seines Freundes und die damit einhergehende Schockwelle zu
überwinden, therapierte er sich selbst. Er sperrte sich in den Keller und
nahm innerhalb weniger Tage ein paar Demos auf. Selbst geschrieben und selbst eingespielt. Jedes einzelne Instrument. Bereits kurze Zeit später, im Jahr 1995, entstand daraus das erste Album der „Foo Fighters“. Grohl nahm dieses zwar im Alleingang auf, wollte aber nicht als Solo-Künstler auftreten. Deshalb entschied er sich, die Platte schlicht mit „Foo Fighters“ zu betiteln. Der Schein einer Band blieb gewahrt und es sollte nicht lange dauern, bis der neu gebackene Frontmann dann tatsächlich eine zusammen hatte: Nate
Mendel am Bass, William Goldsmith an den Drums und Pat Smear als weiterer Gitarrist neben Grohl, wurden somit zur Ur-Besetzung der Foos. Goldsmith sollte später von Taylor Hawkins ersetzt werden und auch Smear verließ die Band zwischenzeitlich, nur um 2010 wieder zurück zu kehren. Frisch formiert ging man also auf Tour, um das Debüt-Album zu promoten. Nichts ahnend, dass während dieser ersten Tour auch die ersten Song-Ideen zu ihrem im Nachhinein wohl wichtigsten Album entstehen sollten.
Produziert wurde The Colour And The Shape von Gil Norton.
Der knapp anderthalb Minuten kurze Opener „Doll“ erzählt bereits die komplette Geschichte des Albums und in weiterer Folge der ganzen Band: Ein Song über den Bammel, den man davor hat, unvorbereitet in etwas Großes zu geraten. Grohl selbst geriet mit Nirvana bekanntlich relativ schnell in etwas relativ Riesiges, ohne wirklich darauf vorbereitet gewesen sein zu können. Etwas Großes stand ihm zu diesem Zeitpunkt auch mit den „Foos“ bevor, doch auf eine Weise, die auch er noch nicht kannte: Als Frontmann und Gesicht der Band. Kein großes Drum-Set mehr, um sich dahinter vor allzu großen Fan-Massen zu verstecken. Nur noch ein kleines Mikro-Stativ und eine unwesentlich größere Gitarre.
Das in der Rock-Musik der Neunziger so typische Spiel mit der Dynamik, findet sich auch auf diesem Album. Auf den nahezu schüchternen Opener „Doll“, folgt sogleich ein lauter, fetziger Klassiker der Band: „Monkey Wrench“ dient Grohl seit Jahren als Stimmungsmacher während der Live-Sets. Grölt er sich doch im letzten Drittel des Songs, zusammen mit dem Publikum, regelmäßig die Seele aus dem Leib. Legendär der Live-Mitschnitt, bei dem Grohl den „KISS-Guy“ zu sich auf die Bühne holt und ihm die Gitarre für „Monkey Wrench“ überlässt. Dieser überrascht den erfahrenen Frontmann mit seiner energiegeladenen Performance so sehr, dass er zwischenzeitlich sogar den Text vergisst.
Auf einem Konzert in Austin, Texas holte Dave Grohl den „KISS-Guy“ zu sich auf die Bühne und zeigte wieder einmal, wieso die Konzerte der Foo Fighters so legendär sind.
Mit „Hey, Johnny Park!“ geht das Tempo auch gleich wieder etwas zurück. Der Titel des Songs wurde von Grohl übrigens mit der Absicht gewählt, seinen Kindheits-Kumpel Johnny Park dazu zu animieren, sich mal wieder zu melden. „My Poor Brain“ zerfällt gleich zu Beginn völlig im Chaos, nur um binnen dem Bruchteil einer Sekunde zu einer Fahrstuhl-Hymne zu mutieren, die plötzlich mit krachenden Snares in einen brüllenden Refrain übergeht: „This is a blackout“ lässt Grohl den verdutzten Hörer wissen. Ein
furioses Wechselspiel in Dynamik und Gesang. „Wind Up“ lässt den Fahrstuhl-Teil vergessen und schließt sich dem Ende von „My Poor Brain“ nahtlos an. Grohls „Trademark-Screams“ erwachen immer mehr zum Leben.
Die Tracklist von „The Colour And The Shape“
 
Ein weiterer großer Klassiker der Band befindet sich ebenfalls auf diesem
Album: „My Hero“. Das mittlerweile schon ikonische Schlagzeug-Intro, dem sich nach und nach Bass und Gitarren anschließen, führt zu Grohls Ode an die Alltags-Helden. „There goes my hero, he’s ordinary!“ schreit er uns entgegen. Grohl schrieb diesen Song, um an all die unbesungenen Helden zu erinnern, die ihre ganze Kraft dazu aufwenden, um das Leben im Alltag für sich und alle anderen möglich zu machen.
Als dritte Single-Auskopplung des Albums erhielt „My Hero“ auch ein eigenes Musik-Video, bei dem Dave Grohl selbst Regie
führte.
 
Der Song „February Stars“ legt einen ruhigen, fast schon zerbrechlich klingenden Start hin und bildet die Steilvorlage für den unumstrittenen
Höhepunkt des Albums. Das fragile Konstrukt wird getragen von Grohls dezentem Gesang. Er flüstert uns zu – „Hanging on – here until I’m gone –
just hanging on“
– nur um den Song an der 3-Minuten-Grenze fast wie einen Schmetterling aus dem Kokon brechen zu lassen. Der ideale Aufbau zu
dem wohl größten Song der Bandgeschichte: „Everlong“.
Im Jahr 2004 nannte Grohl „Everlong“ den besten Song, den er je geschrieben hätte. David Letterman bezeichnete ihn als seinen Lieblings-Song und bekam ihn prompt in seiner Abschieds-Show dargeboten. Das Musik-Video, welches Grohl zeigt, wie er seine Frau (gespielt von Drummer Taylor Hawkins) aus einer surrealen Albtraum-Welt befreien muss, ist mittlerweile legendär.
Als Inspirationsquelle für das legendäre Video, dienten Regisseur Michel Gondry, dessen Kindheitsalbträume von übergroßen Händen.
 
Entstanden ist das prägnante Gitarrenriff während der Aufnahmen zu „Monkey Wrench“, als Grohl in den Pausen zwischen den einzelnen Takes, zum Zeitvertreib an seiner Gitarre rumspielte. Kurze Zeit später wurde dann ein kompletter Song daraus. Wie Taylor Hawkins in einem Interview mit „NME“ im Jahr 2015 erzählte, wäre „Everlong“ zu Beginn kein großer Hit gewesen. Es hätte Jahre gedauert, bis er den Status erreicht hätte, der ihn zu diesem einen, großen Foo Fighters-Song habe werden lassen. Eine Akustik-Version, die Dave Grohl in einer Radio-Show von Howard Stern performte, trug maßgeblich zum Erfolg des Songs bei, denn erst durch diese
bekam die ursprüngliche Rock-Version von „Everlong“ mehr Aufmerksamkeit.
Dave Grohl spielt „Everlong“ in einer spontanen Akustik-Version live in Howard Sterns Radioshow und macht den Song damit quasi über Nacht zum Hit.
 
Wenn man sich „The Colour And The Shape“ heute anhört, klingt es wie eine Blaupause der gegenwärtigen „Foo Fighters“. All die Facetten, die sich im Laufe der Jahre zu Trademarks der Band entwickelten („Grohl-Screams“, das Spiel mit der Dynamik, das einstreuen kleiner Pop-Songs zwischendurch) waren bereits 1997 existent. Wenn auch noch nicht so ausgewogen wie im 2005er „In Your Honor“ oder so experimentierfreudig wie im aktuellsten Release „Concrete And Gold“. Aber deutlich genug, um wahrgenommen zu werden. Die „Foo Fighters“ schrieben im Laufe der Jahre noch sehr viele Hits und entwickelten sich zu einer der wenigen großen Rockbands, die wir noch haben. Mit „The Colour And The Shape“ und allen voran „My Hero“ und „Everlong“, legte Grohl mit seiner Band aber wohl den Grundstein zum Erfolg.

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