Ibrahim Lässing im Soundcheck | Lieder über scharfsinnig beobachteten, scheinbar belanglosen Mist

Künstler: Ibrahim Lässing / Album: Lass die schlechten Zeiten rollen / Genre: Loser-Rock / Release: 2019 / Label: Ferryhouse Productions Hamburg / AnspielTipps: Lass die schlechten Zeiten rollen, So mögen sie sich, Der erste heiße Tag im Jahr, Du nimmst die Liebe zu ernst

Ibrahim Lässing: Songwriter und Panikpreisträger aus Landshut.

Mit Humor und Charm über orangefarbene Kaugummiautomaten

Gleich vorweg: Diese Platte ist wie eine klanggewordene Coming of Age-Teenagerkomödie. Sie strotzt nur so vor kleinen und großen Anspielungen auf die scheinbar belanglosen, aber eigentlich wirklich wichtigen Dinge des Erwachsenwerdens. Der Landshuter Songwriter, Ibrahim Lässing, beweist dabei nicht nur seine Sprachbegabung, die er mit Humor und Charm ausschmückt, statt mit pseudophilosophischem Gedöns. Er hat auch ein außergewöhnliches Auge für die kleinen Details, die jeder kennt, irgendwie auch wahrnimmt, aber sich erst schmunzelnd daran erinnert, wenn man Textzeilen liest, wie diese:

„Der Kaugummiautomat mit nem Feuerzeugbrandloch, er strahlt in verblasstem Orange schon am Gartenzaun“.

Überhaupt ist der Song „Der erste heiße Tag im Jahr“ ein Paradebeispiel dafür, wie scharfsinnig Lässing die sonderbaren Kleinigkeiten in seiner Umwelt wahrzunehmen scheint:

„Kleine dicke Fünftklässler schwitzen im Schulbus und malen mit Filzstift Pimmel auf die Rückenlehnen“ / „Großporige Alkoholiker-Opis kippen einen Doornkaat im Bad“.

Lässings Beobachtungsgabe der besonderen Art: Der erste heiße Tag im Jahr

Ibrahim Lässing: Preisgekrönter Loser mit goldenem Hut

2014 zog Lässing in das Finale um den Panikpreis der Udo Lindenberg-Stiftung ein. Die Menge staunte nicht schlecht, als ihm am Ende der Altrocker höchstpersönlich den goldenen Hut aufsetzte. Bei seiner ersten Performance als Solokünstler überhaupt, wurde der Loser-Rocker gleich zum Preisträger. Am Ende der Veranstaltung durfte der junge Ibrahim sogar noch mit Lindenberg zusammen performen.

Der Panikpreis wird an Künstler verliehen, die mit ihrer Musik und ihren Texten eigene Wege gehen, abseits aller Konventionen.  

Lässings Texte erfrischen besonders durch den Perspektivwechsel. Während im Breiten-Deutsch-Pop Schmachtfetzen von schönen Leuten über noch schönere Leute geweint werden, lässt uns Lässing die Brille des sympathischen (vermeintlichen) Losers aufsetzen. Wir nehmen die Welt endlich mal aus dem Blickwinkel wahr, den die meisten von uns ohnehin von haus aus haben sollten: Den des Normalos mit all seinen Ecken und Kanten. Wenn sich Lässing fühlt wie ein „Kleiner Gatsby“ erinnern wir uns, empathisch nickend, an unsere nicht immer perfekten Sturmfrei-Parties von damals. „So mögen sie sich“ zeigt uns mit dem Zaunpfahl auf, wie Liebe wirklich funktioniert und „I was a Teenage Aushilfskraft“ ist eine Ode an all die miesen Ferien- und Studentenjobs, die man über sich ergehen lassen musste, um den Sommer über genug Geld für Kippen, Bier und Festivals am Start zu haben.

Lässings „Kleiner Gatsby“ live bei den 8TrackSessions.

Lässing ist sich seiner etwas anderen Herangehensweise an Pop-Songs durchaus bewusst. Auf seiner Website, unter der Rubrik „Lässings Welt“, findet man zwischen ein paar abgedrehten Popkultur-Referenzen den „LässingRant1“:

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was der Zeitgeist ist. Ich versuche immer Lieder zu schreiben, die Oldies sein oder Schülerbands ihre ersten Erfolgserlebnisse bescheren könnten. Ich will auch gar nicht schimpften über kontemporären Deutschpop. Ich weiß, dass es ihn gibt, ich nehme ihn aber weder recht wahr, noch ernst. Im Großen und Ganzen existiert er nicht in meiner Welt. Ich sag nur soviel: Ich mag wenig Text und es muss auch nicht intellektuell sein, Pseudotiefe mag ich halt nicht. Denn lieber singt jemand „Wooly Bully“ oder „Hanky Panky“ anstatt „Geboren um zu leben“.

Die Website sollte übrigens jeder mal besucht haben, der ein Faible für Neunziger Pullis und Windows 95 hat: http://www.ibrahimlaessing.com/

Fazit: Ideenreicher Popkultur-Streber mit Hang zur Belanglosigkeit

Lässing ist ein selbsternannter Loser-Rocker, „immer ein wenig kokettierend mit streberhaften Popkulturreferenzen und einem scharfen Blick für scheinbar belanglosen Mist.“ (Zitat aus Lässings Bandinfo). Er ist der Popkultur der Neunziger hoffnungslos verfallen und zitiert liebevoll Musik und Lebensgefühl einer Zeit, in der wir alle so herrlich unvollkommen waren. An Ideenreichtum fehlt es ihm weder in seinen Texten, noch in seinen Onlinepräsenzen. Sein Popkultur-Streber-Image zieht Lässing übrigens mehr als konsequent durch. Musikredaktionen und Veranstalter durften sich gleich über einen einsatzbereiten Ghettoblaster mit Demo-Tape freuen, statt einer kleinen Hörprobe auf CD.  

Wer sich gerne an die „gute, alte Zeit“ erinnert, sich über Textzeilen, wie „Du warst so sexy, wie eine Gewitternacht, jetzt bist du hohl und öde, wie ein Aufzugschacht“ amüsieren kann und einfach Bock hat, mal eine halbe Stunde Klang-Spaß auf seine Ohren loszulassen, der ist bei Lässings „Lass die schlechten Zeiten rollen“ genau richtig.


ROg | TheRockPopBlog


Links zur Band:

Website | Facebook | Instagram | Spotify | YouTube


Written by

Josef Erl

Musizierender Schreiberling aus den Tiefen eines von Landwirtschaft besetzten Niederbayerns. Umringt von Feldwegen und Gülle-Tanks, kämpft er für eine lokale Musikszene, die zwar nicht tot ist, doch langsam aber sicher aus ihrem wohlverdienten Schönheitsschlaf erwachen dürfte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.