VAN HOLZEN im Soundcheck | Alle meine Freunde

Lass uns frei!

„Alle Meine Freunde“ lässt in seinen ersten Takten keine Gegenwehr zu. Das Riff drängt sich in den Gehörgang und zieht sich wie eine Schlinge um den Kopf. Ein rhythmisches Nicken ist also unausweichlich. Die Gitarre kommt wuchtig daher und wird Van Holzen-typisch, dick und fett von der Rhythmus-Fraktion unterstrichen. Klassisches Line-Up, keine Sperenzchen. Man kennt das. Nach dem wuchtigen Intro werden die Klänge aber erstmal ruhiger und während Florian Kieslings Vocals einsetzen, rückt die Gitarre in den Hintergrund. „Tut mir leid…“ Keine echte Entschuldigung, keine Bitte. Eher eine Erklärung. „ich nehme mir die Zeit, um allein zu sein“. Eine ernste Färbung schwingt in seiner Stimme mit. Die ersten Worte trägt er verletzlich vor. Fast schon verwundet, aber glaubhaft in jeder Silbe. Gewogen von einer blassen Melodie, die schön dezent im Hintergrund schwingt, steht Kiesling dann auch lyrisch im Mittelpunkt: „Alle sehn‘ mich an, hört damit auf. Lasst es endlich sein“.

Van Holzen von links nach rechts:
Jonas Schramm (Bass), Florian Kiesling (Gesang, Gitarre) und Daniel Kotitschke (Drums)  

Wir bilden die Wand

Es kommt zum Aufschwung. Das Anfangs-Riff wird zum Refrain, der Ton deutlicher. „Ich und meine Freunde haben Angst. Weil jeder von uns alles haben kann.“ gibt Kiesling erst zu, nur um sofort nachzuschieben „ich glaube nicht daran.“ Der Aufschwung endet und die Ruhe kehrt zurück. Die anfängliche Färbung legt eine weitere Nuance auf: Bestimmtheit. „Lass uns frei. Du erklärst den Krieg und gehst dann fort.“ Ein letzter Schritt, bevor sich das Blatt wenden soll. „und lässt uns hier alleine“. Der Refrain setzt ein und erhöht den Einsatz. Es kommt nicht zur Ruhe, im Gegenteil. Die Angst wird nun hörbar und steht mitten im Raum: „Wir bilden die Wand“ Der verwundete Junge geht zum Angriff über. Die Maske fällt. „Alle meine Freunde haben längst erkannt“ Er und seine Freunde sind der Angst längst entkommen und verbreiten sie nun selbst. „Alle haben Angst“. Ein klanggewordener Sturm reisst nun auch die letzten Wände ein, bevor er den Hörer in das Auge des Orkans setzt. Die Bridge klingt aus und die Ruhe des ersten Verses kehrt zurück. Die Gitarre streichelt den überrollten Hörer. Kiesling flüstert uns noch einmal zu, schon fast sarkastisch grinsend. „ich und meine Freunde haben Angst“. Eine letzte Runde, um den Standpunkt deutlich zu machen. Ein letzter reinigender Sturm. Er klingt aus. „Ich glaube nicht daran“. 

Fazit:

„Alle meine Freunde“ macht neugierig. Nach „Anomalie“ fragten sich viele Fans, wie der Weg wohl weitergehen würde. Bringen Van Holzen etwas Pop in ihr nächstes Album, wie es die meisten Rockbands heutzutage machen? Pirschen sie sich an den Mainstream heran? Oder bleiben sie ihrem Stil zu sehr treu und laufen dadurch Gefahr langweilig zu werden?  Wahrscheinlich hat sich auch die Band diese Fragen gestellt und erkannt: „Ich und meine Freunde haben Angst“. Die drei Jungs haben mit der ersten Single-Auskopplung genau diesen brachliegenden Nerv der Fans getroffen. Ja, der Song hat eine muntere Grundstimmung und lässt somit die Angst einer Pop-Infizierung aufkeimen. Doch mit zunehmender Spielzeit kündigt sich, vor allem über Gesang und Lyrics, ein fast schon genialer „Plot-Twist“ an. Spätestens bei der ersten Bridge ist dann klar: Die Angst ist unbegründet. Van Holzen werden auch 2019 ihren Weg gehen. Sie werden sich natürlich weiterentwickeln. Es wird natürlich neue Facetten in ihrem Sound geben. Aber sie werden ganz sicher nicht ihre Kanten abschleifen, ihre Ecken abrunden und sich dem Mainstream anbiedern. Ich zumindest, glaube nicht daran.  


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Written by

Josef Erl

Musizierender Schreiberling aus den Tiefen eines von Landwirtschaft besetzten Niederbayerns. Umringt von Feldwegen und Gülle-Tanks, kämpft er für eine lokale Musikszene, die zwar nicht tot ist, doch langsam aber sicher aus ihrem wohlverdienten Schönheitsschlaf erwachen dürfte.

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